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Teller mit Fleischgericht und Moleküldarstellung als Abblidung der Migration von Formaldehyd aus Melamin-Tellern
Foto: Bild mit einer KI erstellt

Melamin-Geschirr besteht in der Regel nicht aus reinem Melamin, sondern aus Melamin-Formaldehyd-Harzen (MFH/MFR). Diese duroplastischen Kunststoffe sind leicht, bruchfest und hitzebeständig – Eigenschaften, die sie für Teller, Schalen und Becher attraktiv gemacht haben. Gleichzeitig ist seit vielen Jahren bekannt, dass Formaldehyd und Melamin aus solchen Materialien in Lebensmittel migrieren können, insbesondere unter thermischer Belastung.

Dieser Fachartikel fasst den aktuellen wissenschaftlichen und regulatorischen Kenntnisstand zusammen und stützt sich dabei auf Bewertungen des BfR (Bundesinstitut für Risikobewertung), der EFSA (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) sowie Informationen des BVL (Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit).


Chemisch-physikalische Grundlagen der Migration

Melamin-Formaldehyd-Harze entstehen durch Kondensationsreaktion von Melamin und Formaldehyd. Dabei entstehen dreidimensionale, vernetzte Polymere. In der Praxis bleiben jedoch:

  • Restmonomere (unreagiertes Formaldehyd)

  • Oligomere Abbauprodukte

im Material gebunden.

Migration bedeutet, dass diese Stoffe aus dem Polymerverbund in das Lebensmittel oder Lebensmittelsimulanz übergehen. Die Freisetzung wird insbesondere beeinflusst durch:

  • Temperatur (stark beschleunigend über 70 °C)

  • Kontaktzeit

  • pH-Wert des Lebensmittels (sauer → höhere Migration)

  • Materialalterung durch Mikrorisse und Hydrolyse

Das BfR beschreibt eine deutlich erhöhte Freisetzung von Formaldehyd bei Kontakt mit heißen Lebensmitteln. Bundesinstitut für Risikobewertung


Regulatorische Grenzwerte (EU)

Die rechtliche Grundlage ist die Verordnung (EU) Nr. 10/2011 über Kunststoffe mit Lebensmittelkontakt. Darin festgelegt sind sogenannte Spezifische Migrationsgrenzwerte (SML):

Stoff SML (EU)
Formaldehyd 15 mg/kg Lebensmittel
Melamin 2,5 mg/kg Lebensmittel

Diese Grenzwerte werden von der EFSA wissenschaftlich bewertet und gelten EU-weit einheitlich. Food Packaging Forum


Erkenntnisse des BfR (Deutschland)

Das BfR hat in mehreren Untersuchungen gezeigt:

  • Bei Temperaturen über 70 °C kommt es zu deutlich erhöhter Migration.

  • Besonders problematisch sind Produkte, die als „Bambusgeschirr“ vermarktet werden, tatsächlich aber MFH mit Füllstoffen enthalten.

  • In Langzeittests wurden teils massive Überschreitungen der Grenzwerte beobachtet.

Besonders relevant ist die BfR-Bewertung zu heiß befüllbaren MFH-Produkten („Coffee-to-go“-Becher etc.). Bundesinstitut für Risikobewertung Bundesinstitut für Risikobewertung

Das BfR empfiehlt daher ausdrücklich:

Kein Melamin-Geschirr für heiße Speisen oder Getränke verwenden. Bundesinstitut für Risikobewertung


EFSA-Bewertung

Die EFSA hat Melamin und Formaldehyd mehrfach neu bewertet. Wesentliche Aussagen:

  • Melamin-Geschirr ist eine relevante Expositionsquelle für Verbraucher.

  • Die Datenlage zu Langzeitmigration war lange unzureichend und wurde durch zusätzliche europäische Studien ergänzt.

  • Die Migration trägt messbar zur Gesamtaufnahme dieser Stoffe über die Ernährung bei. Bundesinstitut für Risikobewertung


Rolle des BVL und Marktüberwachung

Das BVL ist in Deutschland u. a. für die Koordination des RASFF-Schnellwarnsystems zuständig.

Aktuelle Meldungen zeigen, dass:

  • immer wieder Teller und Schalen (u. a. aus China) mit erhöhter Formaldehyd- und Melaminmigrationauffallen,

  • Produkte vom Markt genommen werden mussten.

Ein Beispiel: RASFF-Meldungen zu Formaldehyd-Migration aus Melamin-Tellern. Bundesverwaltungsamt


Prüfmethoden und typische Versuchsbedingungen

Die Migrationsprüfung erfolgt standardisiert:

  • Lebensmittelsimulanz: meist 3 % Essigsäure

  • Temperaturbedingungen:

    • z. B. 2 Stunden bei 70 °C („Hot-Fill“-Simulation)

  • Mehrfachtests: bis zu 3 aufeinanderfolgende Prüfzyklen

Diese Bedingungen sind in der EU-Verordnung 10/2011 festgelegt und werden auch vom BfR angewendet. Bundesinstitut für Risikobewertung


Gesundheitsrelevanz

Formaldehyd ist:

  • als krebserregend eingestuft

  • reizend für Schleimhäute

  • potenziell genotoxisch bei langfristiger Exposition

Langzeittests zeigten laut BfR in Einzelfällen bis zu 120-fache Überschreitungen der Richtwerte bei heißer Nutzung. Bundesinstitut für Risikobewertung

Für kalte oder lauwarme Speisen gilt Melamin-Geschirr hingegen als vergleichsweise unproblematisch.


Fachliche Gesamtbewertung

Aus Sicht der wissenschaftlichen Risikobewertung ergibt sich folgendes Fazit:

Unkritisch bei:

  • kalten Getränken

  • Salaten

  • Kurzzeitkontakt mit lauwarmen Lebensmitteln

⚠️ Kritisch bei:

  • heißen Getränken (Kaffee, Tee)

  • Suppen

  • Baby- und Kleinkindnahrung

  • Mikrowellenerwärmung

Sowohl BfR als auch EFSA sehen bei heißer Nutzung ein relevantes gesundheitliches Risiko, insbesondere bei minderwertigen oder stark beanspruchten Produkten.

Quellen:

Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)
Bundesinstitut für Risikobewertung Bundesinstitut für Risikobewertung Bundesinstitut für Risikobewertung

EFSA (European Food Safety Authority)
Bundesinstitut für Risikobewertung

Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) / RASFF
Bundesverwaltungsamt

EU-Rechtsgrundlagen
Food Packaging Forum